Neues Selbstbewusstsein: Nicht mehr „nur“ eine Stadt zwischen Wien und Salzburg

Kulturelle Infrastruktur, die es so in keiner anderen Stadt gibt – Doppelgleisigkeiten zwischen Land und Stadt wurden 2009 komplettiert und einzementiert

2009 wurde Linz zur Europäischen Kulturhauptstadt erkoren. „Durch dieses Projekt ist es gelungen, neues Selbstbewusstsein für die Linzerinnen und Linzer zu gewinnen und aus dem Schatten von Wien und Salzburg zu treten“, ist der Linzer Bürgermeister Klaus Luger überzeugt. „Linz konnte vorher schon stolz sein, als Industriestadt, die den Wandel zum umweltfreundlichen und prosperierenden Wirtschaftsstandort geschafft hat“, meint Klaus Luger. Während im Jahr darauf bei RUHR.2010 die Abkehr von der Industrie hin zur Kultur gefeiert wurde, ist es bei Linz09 gelungen, Industrie und Kultur miteinander zu verbinden. „Durch diese einzigartige Kombination haben wir uns erfolgreich in die Liga der ‚second cities‘ integriert“, betont Klaus Luger.

Die Entscheidung, ein neues Musiktheater zu errichten, war dabei genauso richtig wie der Bau des LENTOS als neues Quartier für die Neue Galerie der Stadt Linz. Besonders gut funktionierte die Kooperation zwischen den städtischen Museen mit den Ausstellungshäusern des Landes, wodurch neue Besucherrekorde möglich wurden. „Mit LENTOS und dem neuen Ars Electronica Center ist es außerdem gelungen, das Verhältnis der Linzerinnen und Linzer zur Donau als Drohpotenzial zu entkrampfen. Heute hat sich der Donauraum als positiv genutzter Stadtraum etabliert“, erklärt Klaus Luger.

So exzellent und vielfältig das Programm für eine 200.000-Einwohner-Stadt war, konnten nicht alle Erwartungshaltungen an die Nachhaltigkeit erfüllt werden: „Heute ist in Linz eine kulturelle Infrastruktur geblieben, die es so in keiner anderen Stadt dieser Größe gibt“, meint Luger. Mitverantwortlich dafür ist die Entscheidung des Landes, neben dem Musiktheater weiterhin den vollen Betrieb in den Kammerspielen und dem Schauspielhaus an der Promenade aufrechterhalten zu wollen. „Zehn Theaterbühnen können wir heute in Linz zählen, dabei sind die Kindertheater und die reinen Konzerthäuser noch nicht eingerechnet“, rechnet Klaus Luger vor.

Im Gegensatz zur guten Kooperation der Museen im Kulturhauptstadtjahr, der 2018 eine Vereinbarung zur konstruktiven Zusammenarbeit der weiterhin eigenständigen Häuser folgte, gab es nach 2009 zwischen Musiktheater und Brucknerhaus leider keinen gemeinsamen Weg. „Ganz im Gegenteil, wurde etwa durch Orchesterkonzerte im Theater am Volksgarten eine künstliche Konkurrenz zum Konzerthaus an der Donau aufgebaut“, sieht Luger einen Teil der Doppelgleisigkeit von Land und Stadt im Kulturhauptstadtjahr 2009 entstehen.

„Die Entwicklung der Vielfalt an Kultureinrichtungen in der Landeshauptstadt wurde zwischen Stadt und Land nur wenig koordiniert. Darum ist es für das Land nachvollziehbar immer schwieriger geworden, den vielseitigen Kulturbetrieb zu finanzieren. Der Ausstieg aus der Finanzierung der notwendigen Erneuerungen im internationalen Aushängeschild AEC war die erste Reaktion des Landes im Vorjahr. Umgekehrt erreichte die Schieflage der Finanzbeziehungen aus dem Theatervertrag zwischen Stadt und Land eine Dimension, die die Vertragsauflösung unumgänglich machte“, blickt Luger auf 2018 zurück. Die Diskussion über Ausgestaltung, Organisation und Finanzierung der Kulturlandschaft im Land ist damit allerdings nicht beendet.

Linz09 – Industrie- und soziale Musterstadt werden ergänzt um Kulturhauptstadt

Manchen Unkenrufern zum Trotz war das Kulturhauptstadtjahr 2009 eine Erfolgsgeschichte: im Jahr der internationalen Finanzkrise verzeichnete Linz im Gegensatz zu anderen europäischen Städten ein Nächtigungsplus von fast zehn Prozent. 3,5 Millionen Kulturinteressierte besuchten die mehr als 7.700 Veranstaltungen. Eine genaue Übersicht über die umgesetzten Projekte findet sich nach wie vor im Archiv auf www.linz09.at. ´

Kulturhauptstadt-Sujet

„Der mit Abstand wichtigste Effekt dieses Programms war sicher das zusätzlich gewonnene Selbstbewusstsein der Linzerinnen und Linzer“, ist Bürgermeister Klaus Luger überzeugt. „Als Industriestadt, die den Wandel zum nachhaltigen, umweltfreundlichen Wirtschaftsstandort mit einem dichten sozialen Netz bewältigt hat, hatte Linz schon davor allen Grund, stolz zu sein. Die Ergänzung durch die Auszeichnung ´Europäische Kulturhauptstadt´ war für Linz aber eine wesentliche, weil wir damit endgültig aus dem Schatten von Wien und Salzburg getreten sind und uns als ´second city´ positionieren konnten“, betont Klaus Luger. Mit ausschlaggebend dafür ist die Verbindung von Industrie und Kultur, im Gegensatz zu den Nachfolgestädten in RUHR.2010, bei denen die Abkehr von der Industrie im Fokus stand.

Besonders sichtbar geworden ist das neue Selbstbewusstsein durch die urbanen Bauten, die im und um das Kulturhauptstadtjahr herum entstanden sind. „Allen voran war die Entscheidung, ein zukunftsorientiertes Musiktheater an der Blumau zu errichten, eine richtige“, blickt Bürgermeister Klaus Luger zurück. „Das im 30. Jahr seines Bestehens neu gestaltete Ars Electronica Center an der Donau, das dadurch noch mehr zum internationalen Aushängeschild für Linz wurde, trug zur Urbanisierung bei.“ Das LENTOS wurde die neue Heimat für die Neue Galerie. Dadurch mussten die Kulturschätze der Landeshauptstadt nicht mehr zwischen einer Schule und einem Einkaufszentrum ausgestellt und gelagert werden, sondern erhielten einen prominenten Platz zwischen Hauptplatz und Donau. Das Salzamt und der neu errichtete Südflügel des Schlosses rundeten die geplante Kulturmeile an der Donau ab. „Dadurch ist es gelungen, das Verhältnis der LinzerInnen zur Donau endgültig zu entkrampfen und den Donauraum als integralen Bestandteil der Stadt zu etablieren“, meint Bürgermeister Klaus Luger.

Weitere bauliche Maßnahmen prägen das Stadtbild bis heute:

  • der neue Domplatz
  • die neue Fassade des NORDICO Stadtmuseums
  • die neu gestaltete Landesbibliothek
  • der OK-Platz bei Landeskulturzentrum im Ursulinenhof
  • der Wissensturm
  • die Verlängerung der Pöstlingbergbahn zum Hauptplatz
  • die voestalpine Stahlwelt

Hinzu kommen zahlreiche neue beziehungsweise revitalisierte Hotel- und Gastronomiebauten. „Das gemeinsame Engagement von Stadt, Land und Privaten hat dazu beigetragen, dass Linz für das Kulturhauptstadtjahr urban und zeitgemäß herausgeputzt war. Die Besucher- und Nächtigungszahlen geben dem Engagement recht“, betont Bürgermeister Klaus Luger.

Besonders gut funktioniert hat im Kulturhauptstadtjahr die Kooperation der Museen. „Die koordinierte Ausstellungsprogrammierung sorgte dafür, dass die Kunstinteressierten ein vielseitiges Angebot vorfanden, das zum Besuch aller Häuser einlud“, ist Klaus Luger von der gelungenen Kooperation und der Richtigkeit der getätigten Investitionen überzeugt. Das gilt auch für jene Projekte, deren Durchführung sich auf das Kulturhauptstadtjahr beschränkten: „Hervorheben möchte ich dabei etwa die Hörstadt, den Keplersalon und Bellevue, das gelbe Haus im Landschaftspark über dem Bindermichltunnel“, so Luger. Dass viele dieser Initiativen keine Fortsetzung fanden, sondern einmalig im Kulturhauptstadtjahr stattfanden, passt zur Einmaligkeit der ehrenvollen Aufgabe „Europäische Kulturhauptstadt“.

Wermutstropfen: Kooperationsgedanke fand wenig Fortsetzung – Vielfalt durch Wildwuchs statt koordiniertes Wachstum und Nachhaltigkeit

Heute, zehn Jahre später, muss allerdings auch kritisch zurückgeblickt werden. „So richtig und wichtig die Errichtung des Musiktheaters am Volksgarten war, so herausfordernd und auf Dauer schwer finanzierbar ist die große Bühnenauswahl des Landes“, befürchtet Klaus Luger. Überhaupt sei die entstandene Vielfalt an Kultureinrichtungen wenig koordiniert zwischen Stadt und Land abgelaufen. „So wichtig die Vielfalt in einem Ausnahmejahr wie 2009 war, so sehr fehlte eine nachhaltige Konzeption, wie in den durchschnittlichen Folgejahren damit umgegangen werden soll“, so Luger.

Die Entwicklung der Besucherzahlen in den Landesmuseen zeugt ebenso davon wie die Diskussion über die Auslastung der Theater und des dafür notwendigen Zuschusses durch das Land. So wurde Ende des Vorjahres bei der Bilanz aller zwölf Standorte der Museen des Landes ein Besucherplus gefeiert. „Das täuscht allerdings über die Tatsache hinweg, dass nicht einmal durch kosmetische Maßnahmen an die Besucherzahlen des Kulturhauptstadtjahres herangereicht werden kann“, so Luger, der positiv festhält: „Wenigstens bei den Museen ist 2018 aber der relative Erfolg einer Fortführung der konstruktiven Kooperation gelungen.“

* inkl. Landesgartenschau Bad Ischl (Fotomuseum im Kaiserpark)

„Mit Musiktheater, Schauspielhaus, Kammerspielen und dem u/hof im Kulturquartier betreibt das Land alleine vier Bühnen. Mit Theater Phönix, Kellertheater, Theater in der Innenstadt und der tribüne am Südbahnhofmarkt gibt es vier weitere fix etablierte Spielbühnen. Dazu kommen weitere Theaterinitiativen im öffentlichen Raum sowie die Kindertheater Kuddelmuddel und Theater des Kindes“, zählt Klaus Luger auf. Alleine die Ausgaben für die Theater- und Orchester GmbH im Landesbudget sind von unter 30 Millionen Euro im Jahr 2009 auf über 41 Millionen Euro, veranschlagt für 2019, gestiegen. „Diesem Anstieg um 37 Prozent steht mit 16 Prozent nicht einmal ein halb so starkes Wachstum der Einnahmen des Landes gegenüber“, rechnet Luger.

Dabei kam es insbesondere nach der Errichtung des Musiktheaters verstärkt zum Konkurrenzdenken und –handeln: „Bedauerlicherweise wurden durch das Kulturhauptstadtjahr Doppelgleisigkeiten und teilweise ideologisch motivierte Parallelstrukturen in der Kunst- und Kulturpolitik von Stadt und Land nicht beseitigt, sondern komplettiert und einzementiert“, stellt Bürgermeister Klaus Luger fest.

Die budgetäre Herausforderung durch diese Infrastruktur wurde im Vorjahr besonders deutlich: „Das Land hat zusätzlich noch die Anton-Bruckner-Privatuniversität zu finanzieren und ist vertraglich verpflichtet, den Betrieb der Landestheater und des Brucknerorchesters sicherzustellen. Angesichts der knappen Kassen hat sich das Land deshalb entschlossen, die dringend notwendigen Investitionen im international wichtigsten Aushängeschild Ars Electronica Center nicht mitzufinanzieren“, blickt Klaus Luger noch einmal auf das Vorjahr zurück. „Umgekehrt war es für die Stadt unumgänglich, vom im Theatervertrag verbrieften Kündigungsrecht Gebrauch zu machen, da die aus dieser Vereinbarung resultierende Schieflage eine nicht mehr vertretbare Dimension erreichte.“

Dabei betreffen diese Herausforderungen nur die städtischen und landeseigenen Einrichtungen. „Viele Initiativen der so genannten freien Szene sind in diesen Betrachtungen noch gar nicht berücksichtigt. Sie haben nachhaltig noch weniger von der kulturellen Aufbruchsstimmung des Jahres 2009 profitiert und waren überproportionale Leidtragende der Budgetkürzungen des Landes im Vorjahr und für heuer“, meint Klaus Luger.

Fazit:

Linz hat sich 2009 als Kulturhauptstadt und „second city“ etabliert

Nach Auflösung des Theatervertrags braucht es rasch neue Kooperationsvereinbarung für Brucknerorchester und LIVA

Höhere Bundesbeiträge gefordert

Das Land ist vertraglich verpflichtet, den Betrieb der Theater- und Orchester GmbH unabhängig von allfälligen Zuschüssen von Bund und Stadt finanziell sicherzustellen. „Auch nach der Auflösung unseres Vertrages mit dem Land besteht ein hohes Interesse, dem Brucknerorchester im Brucknerhaus weiterhin eine Heimat zu geben“, drängt Luger auf eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Orchester und der LIVA. Zugleich sieht er einmal mehr den Bund gefordert: „Nach einer angemessenen Mitfinanzierung des Kulturhauptstadtjahres hat sich der Bund weitgehend aus der Kultur in Linz zurückgezogen. Das ist angesichts seines Engagements in Wien nicht fair“, fordert Bürgermeister Luger eine höhere Kulturförderung des Bundes.